Hausbesetzen in der Provinz...

Es lag in der Luft Anfang der 1980er Jahre. Wohnraum war knapp, Wohnraum war teuer. Viele junge Menschen waren damals frustriert über die dramatische Situation. In vielen Städten wurden Häuser besetzt. Als politisches Statement. Als Selbsthilfeprojekt.

 

Berlin galt damals als die Hauptstadt der besetzten Häuser. Seit dem 01. Mai 1970 wurden in Berlin hunderte von leerstehenden Häusern besetzt. Eine der bekanntesten Hausbesetzungen in Berlin war wohl die Besetzung des ehemaligen Schwesternwohnheim

des Bethanien-Krankenhauses am Mariannenplatz 1. Heute gilt das am 08. Dezember 1971 besetzte Georg von Rauchhaus als das längste inzwischen legalisierte ex-besetzte Haus. Wer Lust auf Hausbesetzer-Geschichte hat, dem sei eine Reise nach Berlin empfohlen. Auf der Seite www.berlin-besetzt.de könnte ihr alles über alle besetzten Häuser der Hauptstadt erfahren. Und was ihr für die Übernachtungen in Berlin alles wissen und beachten solltet, erfahrt ihr auf der Webseite www.berlin-hotelverzeichnis.de. Dort könnt ihr euch auch ein kostenloses E-Book mit allem Wissenswerten herunterladen.

 

Viel Spaß in Berlin!

 

Leverkusen hinkte mal wieder dem Geist der Zeit ordentlich hinterher. Den Wesenszustand dieser Povinzstadt fasste der damals erste grüne Bürgermeister, Klaus Wolf, 20 Jahre später so schön zusammen. Hausbesetzung als "Altertümchen":

 

 

 

 

Klaus Huber hat zu diesen altertümlichen Zeiten äußerst innovative Super-8-Filme zu dem Problem der Wohnungsnot gedreht. Der folgende Film begleitet eine Demonstration der linksorientierten Szene der Stadt in die architektonische Perle der Fußgängerzone in Wiesdorf:

Dann im April 1981 war wohl die "kritische Masse" erreicht. Längst war eine Hausbesetzung vorbereitet. Ein Haus von Bayer oder von der Stadt Leverkusen sollte es sein. Im Focus der linkorientierten Szene stand das Haus in der Niederfeldstraße mit der Hausnummer 5. Denn das war ein Haus, welches Bayer gehörte. Und: Den dort wohnenden Menschen war gekündigt worden. Auszugstermin: 27. April 1981.

 

Die Idee war: Gleich nach dem Auszug der dort lebenden Menschen das Haus zu besetzen. Alles war vorbereitet. Matratzen waren organisiert, Schlafsäcke gehamstert. Doch dann taten sich die sogenannten höheren Mächte des Staates zusammen und sorgten dafür, dass die Niederfeldstraße 5 sofort nach dem Auszug der dort lebenden Menschen dem Erdboden gleich gemacht werden konnte. Für dieses Ziel waren sich die höheren Mächte des Staates auch nicht zu Schade, einfach mal die chemische Keule gegen Bürger der Stadt einzusetzen. Im Ernst!

 

Und dann konnte der Bagger sein Werk vollenden...

Hinter diesem schönen Bild mit der "Let's go West-Werbung", die der Abbruchbagger da so zielstrebig in die Kamera hält, ist ein Wohnhaus zu erkennen.

 

DAS IST DIE N8!

 

Und so war dann sehr schnell nach dem wüsten Akt der Stadtteilzerstörung durch die Obrigkeit klar: Dieses Haus wird jetzt besetzt:

 

 

Ja, und dann waren wir drin in der N8: 70 bis 80 junge Menschen, die keine Lust mehr hatten, diese Politik von Stadt und Bayer mitzutragen. Der Leverkusener Künstler Klaus Huber ist direkt nach der Hausbesetzung mit seiner Super-8-Kamera eingetaucht in das Haus, hat den Kopf eingezogen und ist durch die noch halb zugemauerte Türe hineingegangen in die N8. Folgt ihm! Ach ja, Kopf einziehen...

Hausbesetzer treten konsequent für ihre Interessen ein: Deshalb gab es schon am 2. Mai 1981, also nur wenige Tage nach der Besetzungsaktion, eine Riesendemo in der architektonischen Perle der Fußgängerzone dieser schönen Stadt. Zentrale Forderung: "Mietverträge für die Niederfeldstrasse 8" und "Wir fordern Anschluß von Strom und Wasser".

 Auch im Angebot der Sprüche auf den vielen Transparenten: "Das Niederfeld heißt Niederfeld weil's Niederfällt Niemals". Das war visionär! Denn die N8 steht ja schließlich heute noch...

Hausbesetzer besetzen nicht nur Häuser, sie diskutieren auch sehr viel. Jedenfalls damals Anfang der 80er Jahre. Und so war es nicht verwunderlich, dass schon bald sehr großer Diskussionsbedarf in der Gemeinschaft der Leverkusener Hausbesetzer herrschte. Denn es stellte sich heraus, dass die Niederfeldstrasse 8 nicht zu den Zielobjekten leerstehender Häuser, die sich im Besitz von Bayer oder der Stadt befinden, gehörte. Rasche Recherchen ergaben:

 

Die N8 gehörte dem Landschaftsverband Rheinland, der sie 1975 gekauft und dann leergezogen hat, von Strom und Wasser getrennt und die Eingangstüre und die Fenster im Erdgeschoss zugemauert hat. Grund war die grandiose Idee, entlang des Rheins die Autobahn A59 als Stelzenautobahn zu bauen. Und da waren gaaaanz viele Wohnhäuser dort unten am Rhein im Weg und sollten weichen für den automobilen Fortschritt!

 

Das war so nicht gewusst und auch nicht so geplant von der Besetzergemeinschaft. Und deshalb gab es auf den ersten Vollversammlungen im Haus einen Riesendiskussionsbedarf um die Frage, gleich einen Nachschlag zu fordern und noch ein weiteres Haus zu besetzen. Ein Haus im Besitz von Bayer oder der Stadt!

 

Lauscht der Diskussion von Ende April 1981 und geht auf eine schwarz-weiße Zeitreise voller Irrungen und Irritierungen mit unfreiwilliger Komik:

Und noch ein schönen Rundgang durch das besetzte Haus hat Roland Wiese mit der S-VHS-Kamera aufgenommen, die ihm damals 1981 tatsächlich von der VHS, also der Volkshochschule, zur Verfügung gestellt worden war, um die Hausbesetzung zu dokumentieren. VHS, S-VHS? Volkshochschule das eine, Super-Video-Home-System das andere. Alles klar?

 

Wir beginnen das Video mit einem Schwenk von der Abrisshalde der soeben plattgemachten Niederfeldstraße 5 zum dann schon besetzten Haus Niederfeldstralße 8 zu den bekannten Klängen einer Hausbesetzerhymne aus dem auch damals so fernen Berlin. Danke Rio, Danke Ton Steine Scherben, für diesen sensationellen Rauch-Haus-Song, der auch in der N8 vieltausendmal erschallte.

Eine Hausbesetzung ist immer ein politisches Statement: Gegen Wohnraumzerstörung, für den Erhalt preisgünstigen Wohnraumes. Dass es davon zuwenig gibt, das war den Leverkusener Kommunalpolitikern 1981 nicht bewusst. Ist wohl an denen vorbeigegangen. Anders gesagt: Irgendwie fehlte ihnen da wohl der Durchblick. Dazu wollten wir ihnen verhelfen. Mit einem Fenster, überreicht in einer der vielen kostenlosen Kabarettveranstaltungen, die nur vollkommen ironiefreie Menschen Stadtratsitzung nennen...

So, nun erst einmal zu einigen schwarzweißen Eindrücken vom Leben im besetzten Haus. Da wurde natürlich renoviert. Aber es wurde auch viel geredet miteinander. Es gab grundsätzlich mindestens ein Plenum am Tag. Wenn etwas besonderes los war, dann gab es auch mal zwei oder drei Plenen. Also, lasst euch inspirieren, auch von der damaligen Haarmode...

Kennt ihr die Wi-Wa-Weise? Nein? Nun, das ist ein Lied, das der Vorläufer von Ars Vitalis, das Salon-und-Straßen-Orchester, in den ersten Besetzertagen in der N8 einstudiert hat. Wer war Weise? Das war 1981 der Werksleiter des Bayer-Konzern, Der hieß Eberhard Weise und es ist nicht überliefert, wie weise der Weise wirklich war. Damals war die Welt jedenfalls noch genauso schwarz-weiß, wie diese schräge Video-Sequenz. Achtet auf eure Ohren, es quietscht ganz ordentlich im Bläsersatz...

Vom Weise zu Weisheiten: Hausbesetzer brauchen immer Kohle, so auch wir. Also haben wir zwei Monate nach der Besetzung, im Juni 1981, beschlossen, an der großen Kirchstraße ein großes Straßenfest zu organisieren. Mit Kabarett, mit Infoständen, mit Bands. So wie man das damals halt gemacht hat. Chaotisch, aber irgendwie symphatisch. Auf diesem Straßenfest ist Alka Seltzer das erste Mal öffentlich aufgetreten. Wer ist Alka Seltzer außer eine Pille von Bayer? Gute Frage, gute Antwort: Alka Seltzer war eine Leverkusener Band, von der vier der Musikanten in der N8 1981 dabei waren. Indem sie das Haus besetzt, oder kurz danach dort mitgemischt haben. Irgendwie war Alka Seltzer so was wie die Hausband. Und das im Wortsinn: Die Jungs von Alka Seltzer haben damals Ende 1982, als der Stromanschluss ins Haus kam, den Proberaum in die N8 eingebaut. Und den gibt es heute noch. Lauscht Peter und seiner Geschichte vom Niederfeld-Bahnhof...

Auch das gehört dazu: Wir haben damals im Juni 1981 die stolze Summe von 800 Mark bei diesem Straßenfest eingenommen und dieses Geld am Festende in eine Kassette verstaut und stolz in unser Haus getragen. Und am Tag nach dem Straßenfest war die Kassette und einer der damaligen Bewohner der N8 verschwunden. Nach Holland. So hat sich all die Vorbereitung und die Organisation ziemlich schnell im Wortsinn in Rauch aufgelöst. So kann es gehen, wenn man nicht auf die Kasse achtet.

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